Das Projekt «Devenir parents»
«Devenir parents» ist eine Längsschnittstudie, welche die beruflichen und familiären Lebensläufe junger Mütter und Väter nachzeichnet. Antizipieren Eltern vor der Geburt des Kindes ihre oft geschlechtsspezifische Rollenteilung? Entspricht diese ihren Wünschen? Oder bleibt ihnen aufgrund äusserer Bedingungen kaum eine andere Wahl? Auf diese und weitere Fragen werden im Forschungsprojekt Antworten gesucht.
Verschiedene Faktoren beeinflussen die Rollenteilung der Eltern, individuelle Ressourcen, der institutionelle Kontext, aber auch die sozialen Normen. Die Studie «Devenir parents» analysiert, welche Veränderungen Paare erfahren, wenn sie Eltern werden. Sie beschreibt, wie die Mütter und Väter sich in ihre neuen Rollen einfinden, welche Schwierigkeiten sie haben und welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen. 464 Eltern (232 heterosexuelle Paare) wurden einige Monate vor der Geburt ihres ersten Kindes, 3 bis 6 Monate sowie 12 bis 18 Monate danach individuell befragt. Diese standardisierten Daten wurden mit halbstrukturierten Interviews, an welchen 31 Paare teilnahmen, ergänzt. Die Daten der ersten drei Wellen wurden zwischen 2005 und 2009 in der französischsprachigen Schweiz erhoben. Eine 4. Welle, welche die längerfristige Entwicklung der Familien untersucht, findet 2018 statt. Die meisten Teilnehmenden haben eine überdurchschnittlich hohe Ausbildung, viele arbeiten in Dienstleistungsberufen.
Nach der Geburt des Kindes übernahmen fast alle Mütter den grösseren Teil der Familienarbeit, viele arbeiteten daneben Teilzeit. Die Väter arbeiteten fast alle mindestens 80%, die Mehrheit war Vollzeit erwerbstätig. Sie beteiligten sich an der Familienarbeit, wenn ihr berufliches Engagement es zuliess.
Die Studie untersuchte, ob Eltern vor der Geburt des Kindes diese Rollenteilung antizipierten. Die Reduktion der Arbeitsstunden sowie die externe Betreuung, wenn beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollten, beschäftigten die Eltern vor der Geburt des Kindes. Allerdings war die Planung insbesondere für Mütter, die neben der Kinderbetreuung ein Arbeitspensum behalten wollten, mit Unsicherheit verbunden. Denn um die Arbeitsstunden zu reduzieren oder um eine unbezahlte Verlängerung der Mutterschaftszeit zu erhalten, war die Bewilligung des Arbeitgebers notwendig. Zudem führten Krippen lange Wartelisten und Plätze konnten nicht garantiert werden. Eltern wichen deswegen oft auf informelle Betreuungsformen, wie z.B. Tagesmütter, aus.
Doch währenddessen die Eltern die bezahlte Arbeit und die externe Kinderbetreuung organisierten und diskutieren, taten sie dies bei der Verteilung der unbezahlten Arbeit kaum. Sie hatten nur vage Pläne, wie sie die Hausarbeit und Kinderbetreuung aufteilen würden. Oft gingen beide Partner stillschweigend davon aus, dass sich nur wenig ändern würde und eine deutliche Mehrheit der Eltern nahm an, dass die Väter die Hälfte oder mehr der unbezahlten Arbeit übernehmen würden. Gut ein Jahr nach der Geburt des Kindes, zeigte sich, dass diese Pläne nicht umgesetzt wurden. Nach der Geburt des Kindes reduzierten die Väter ihre Beteiligung an der Hausarbeit und es waren mehrheitlich die Mütter die wuschen, putzten, kochten, aufräumten und einkauften. Bei der Betreuung des Kindes waren die Unterschiede weniger ausgeprägt, aber auch hier übernahmen Mütter den grösseren Anteil. Insgesamt lässt sich feststellen, dass Eltern die unterschiedliche Beteiligung am Arbeitsmarkt vor der Geburt des Kindes zumindest teilweise antizipieren können, jedoch nicht, dass die Hausarbeit und Kinderbetreuung vorwiegend zu Lasten der Frauen geht.
Trotz der insgesamt differenzierten Arbeitsverteilung gab es beachtliche Unterschiede zwischen den Paaren. Insbesondere der Umfang der Erwerbsarbeit der Mütter variierte stark. Die Studie zeigte, dass verschiedene Faktoren einen Einfluss auf ihre Berufstätigkeit hatten. Je höher ihre individuellen Ressourcen (Ausbildung, Berufserfahrung, Einkommen) waren, desto weniger reduzierte sie ihre Arbeitsprozente. Auch der Beruf, den sie ausübte, spielte eine Rolle: wenn sie in einem «typisch männlichen» Beruf (> 70% Männeranteil) arbeitete, waren ihre Arbeitsprozente im Durchschnitt ebenfalls höher, als wenn sie in einem typisch weiblichen Beruf tätig war. Bei den Vätern variierte der Umfang der Erwerbstätigkeit nur geringfügig. Jedoch gab es Unterschiede in der Beteiligung der unbezahlten Arbeit. Es zeigte sich, dass Väter die vor der Familiengründung einige Zeit alleine wohnten (im Gegensatz zu denen, die ausschliesslich mit der Partnerin oder Herkunftsfamilie wohnten) nach der Geburt des Kindes ihre Beteiligung an der Hausarbeit weniger stark reduzierten. Keinen Einfluss auf die Rollenteilung hatten hingegen die relativen Einkommen der Eltern. Die Mütter reduzierten ihre Arbeitsstunden unabhängig davon, ob sie oder ihr Partner ein höheres Einkommen erzielte.
Nebst individuellen Faktoren erhob die Studie auch Daten zu den persönlichen Netzwerken der Teilnehmenden, denn die Paare sind eingebettet in ein soziales Umfeld, welches Einfluss auf sie ausübt. Beim Übergang zur Elternschaft veränderten sich die Netzwerke, Familienmitglieder werden wichtiger. Doch nicht die Zusammensetzung des Netzwerks, sondern seine Dichte, welche misst, wie stark verknüpft die einzelnen Mitglieder des Netzwerkes untereinander sind, war einflussreich. Bei Müttern war das Netzwerk, welche emotionalen Unterstützung gibt, relevant: je dichter dieses Netzwerk war, umso stärker reduzierte sie ihr Arbeitspensum. Dies wird dadurch erklärt, dass ein dichtes Netzwerk stärkeren und kongruenteren normativen Druck ausübt. Bei Vätern hatte die Dichte des Netzwerks der emotionalen Unterstützung keinen Einfluss, jedoch reduzierten sie seltener ihre Arbeitsstunden wenn die praktische Unterstützung des Netzwerks grösser war.
In der letzten Befragung, gut ein Jahr nach der Geburt des Kindes, drückten in den Interviews viele Eltern aus, dass sie ihre Rolleinteilung anpassen wollten. Dies geschah unabhängig davon, welche Lösungen sie gefunden hatten, um Kinderbetreuung und Job zu vereinbaren: Wenn beide in einem hohen Pensum arbeiteten, klagten insbesondere die Mütter über die Doppelbelastung und erwogen ihre Erwerbstätigkeit zu reduzieren. Mütter, die keiner oder nur wenige Prozente einer Erwerbstätigkeit nachgingen, wünschten sich hingegen oft, ihr Arbeitspensum zu erhöhen.
Während der erste Teil der Studie zwischen 2005 und 2009 auf den Übergang zur Elternschaft fokussierte, fragt nun die Welle 2018: wie ging es weiter? Wie hat sich die Familiensituation entwickelt, wie die Beziehung? Welche Karriereverläufe haben Eltern, die Vollzeit arbeiten, welche diejenigen, die Teilzeit arbeiten?
Die Erhebung und Auswertung der quantitativen Daten wurde vom Schweizer Nationalfonds unterstützt.